Barcelona
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Leseprobe

Drei Kapitel aus dem Geschichtenmosaik als Appetithäppchen:

Santa Eulalia – Die aus der Mode gekommene Heilige

Der jungen Eulalia werdet ihr vor allem in der Altstadt Barcelonas immer wieder begegnen, denn sie wurde von den Einwohnern über Jahrhunderte hinweg als Schutzheilige geliebt und verehrt. Doch im 19. Jahrhundert wurde sie vom Thron gestoßen – warum, dazu komme ich später.
Erkennen könnt ihr ein Bildnis von Eulalia daran, dass sie (fast immer) einen Palmenzweig in der einen und ein Kreuz in Form eines X in der anderen Hand hält. Das Symbol des Palmenzweigs zeigt euch, dass Eulalia eine Märtyrerin gewesen ist (jeder Märtyrer in Barcelona wird so kenntlich gemacht) und das Kreuz steht für die Art und Weise, auf die sie sterben musste. Ihr seht, es erwartet euch eine eher traurige Legende, aber zum Glück haben bei weitem nicht alle Erzählungen des Geschichtenmosaiks ein bitteres Ende. Santa Eulalia

Nur dreizehn Jahre alt soll Eulalia geworden sein. Sie wurde im Jahr 290 in Sarrià, einem Dorf in der Nähe der damals noch Barcino genannten Stadt, geboren, lebte mit ihren Eltern in eher bescheidenen Verhältnissen und hütete die heimischen Gänse.
Aber Eulalia war ein besonderes Mädchen, denn ihr soll die Gabe in die Wiege gelegt worden sein, besonders eloquent und überzeugend zu sprechen. Schon ihr Name, so sagt man, deutet hierauf hin. Er setzt sich aus dem Griechischen eu für gut und lalein für sprechen zusammen: Die, die gut spricht. Selbstbewusst soll sie aufgetreten sein und ihre Meinung mit Bestimmtheit vorgetragen haben.

Außerdem war sie überzeugte Christin – und das ausgerechnet in der Zeit, in der Diokletian Herrscher von Rom war. Dieser Kaiser ging als der Christenschlächter in die Geschichte ein. Ihr ahnt, dass dies keine guten Voraussetzungen für ein etwas vorlautes und selbstbestimmtes Mädchen waren. Eulalias Eltern fürchteten das ebenso und sollen ihre Tochter zuhause eingeschlossen haben, vor lauter Sorge, sie könne hinausgehen und allen von ihren Überzeugungen berichten. Aber man erzählt sich, dass das Mädchen entkam und den langen Weg nach Barcino lief, um mit dem dortigen Präfekten zu sprechen und Religionsfreiheit einzufordern! Und zwar nicht nur für sich selbst, nein, gleich für alle Christen im Reich.
Der Herrscher bot ihr zu Beginn an, sie zu verschonen, falls sie sich der römischen Religion zuwenden würde. Doch Eulalia blieb stur und beharrte auf ihrem Glauben an Jesus Christus. Da bekamen es Barcinos Oberste mit der Angst zu tun, dass dieses junge Mädchen hinausgehen und aller Welt von ihren Forderungen erzählen könnte und dass dies, überzeugend wie sie eben sprach, zu einer Revolte im Reich führen könne.

So beschloss man, sich der Gefahr durch das Mädchen zu entledigen – indem man die Arme foltern ließ. Kreativ waren die Menschen ja leider schon immer beim Erfinden grässlicher Foltermethoden und auch im Fall von Eulalia sollte es nicht anders sein. Aufgrund ihrer dreizehn Lebensjahre ersann man dreizehn Methoden, mit denen man sie zur Abkehr von ihrem Glauben zwingen wollte, eine davon grausiger als die andere (ich habe über alle gelesen, aber ich möchte nicht ins Detail gehen. Wenn es euch wirklich interessiert, schlagt es bitte selbst nach).
Aber das erste Wunder dieser Geschichte geschah – Eulalia überlebte nicht nur sämtliche Torturen, nein, sie stand sie mit einem Lächeln auf den Lippen durch, denn ihr Glaube war stärker als ihre Qualen. Um die von ihr ausgehende Gefahr ein für alle Mal zu bannen, verurteilten die Römer sie daraufhin zum Tod am Kreuz auf der Plaça del Pedró (im heutigen Stadtviertel Raval) – an eben jenem x-förmigen Kreuz, das Eulalia auf all ihren Bildnissen in der Hand hält.
Um sie noch mehr zu demütigen, nagelte man sie nackt ans Kreuz. Doch das zweite Wunder geschah, denn es soll angefangen haben zu schneien (und in Barcelona ist das in der Tat eine große Seltenheit). Der Schnee bedeckte Eulalias Blöße und ihre Wunden und linderte ihre Schmerzen.
Als das Mädchen am 12. Februar 304 starb, sollen ihre letzten Worte ein Gebet gewesen sein und als drittes Wunder flog plötzlich eine weiße Taube aus ihrem Mund zum Himmel. Da wussten Barcelonas Christen, dass Eulalia jemand ganz Besonderes gewesen sein musste. Man nahm ihre sterblichen Überreste vom Kreuz und bewahrte sie in einem Versteck auf, bis im Jahr 313, unter Kaiser Konstantin, das Christentum legalisiert wurde.

Für Eulalia kam die Religionsfreiheit leider neun Jahre zu spät. Doch ihre Anhänger bewahrten nicht nur ihr Andenken, sie sorgten auch dafür, dass direkt nach der Legalisierung der christlichen Religion eine erste kleine Kapelle zu Ehren der jungen Märtyrerin errichtet wurde. Diese stand in etwa an der Stelle der heutigen Kirche Santa Maria del Mar, um die es in einer anderen Geschichte gehen wird.
Im Jahr 633 sprach man Eulalia heilig und erklärte sie zur Schutzpatronin der Stadt. Als man 1298 mit dem Bau von Barcelonas Kathedrale begann, entschied man, dass sie Catedral de la Santa Creu i Santa Eulalia, Kathedrale des Heiligen Kreuzes und der Heiligen Eulalia, genannt werden sollte. 1339 wurden Eulalias Gebeine aus der Kirche im Born-Viertel in die Kathedrale überführt und glaubt man der Legende, so liegt sie bis heute in der Krypta begraben.

Auf Reliefs im Innenraum der Kathedrale findet ihr Szenen der letzten Tage Eulalias. Schaut auf jeden Fall auch im wunderschönen Kreuzgang vorbei und besucht die dreizehn weißen Gänse, die dort wohnen. Über viele Jahrhunderte hatten diese die Funktion von Wachgänsen, die mit lautem Geschnatter Alarm schlugen, falls jemand einzudringen versuchte. Nun, wo ihr die Geschichte kennt, wisst ihr ja, dass Barcelona mit ihnen an die dreizehnjährige Gänsehirtin erinnert, die den römischen Herrschenden zu überzeugend sprach. . .

Heutzutage ist Eulalia etwas in Vergessenheit geraten und nur diejenigen in Barcelona, die sie besonders innig verehren, gedenken ihrer am 12. Februar. Manche gehen zum Beispiel dreizehnmal die Straße Baixada de Santa Eulalia, in der sich in einer Nische eine kleine Darstellung der Heiligen befindet, hinauf und hinunter. Sie erinnern so an eine der furchtbaren Foltern, denn hier soll Eulalia in einem Faß voll scharfer Gegenstände dreizehnmal hinab gerollt worden sein. Oder sie besuchen die Carrer de l‘Arc de Santa Eulalia, eine kleine Gasse, teils unter Steinbögen, in die selten Tageslicht fällt. Dort soll Eulalia im Gefängnis auf ihr Urteil gewartet haben.
Eine andere Heilige hat mittlerweile Eulalias Posten als Stadtheilige eingenommen, aber zumindest ist bis heute der Name Laia in Barcelona sehr populär, eine Abkürzung von Eulalia.

Steine, die Geschichten hierzu erzählen, findet ihr hier.

Die Casa Milà – Ein architektonisches „Erdbeben“

Wie ein Erdbeben erschütterte die von Antoni Gaudí entworfene Casa Milà auf dem Passeig de Gràcia Architekturwelt und Bourgeoisie in ihren Grundfesten. Denn dieses Gebäude machte Schluss mit neo: Schluss mit Häusern, die den Stil einer schon dagewesenen Epoche kopierten oder Elemente daraus uminterpretierten. Die Casa Milà versuchte nie sich anzupassen, sondern war von Anfang an ein gestalterisches Novum. Heute mag man kaum glauben, dass diese zeitlose, surreale Architektur schon über hundert Jahre alt ist, denn erbaut wurde das Haus von 1906 bis 1910! Mindestens genauso trotzig und selbstbewusst wie ihr Schöpfer steht sie an einer Ecke des berühmten Prachtboulevards und lässt bis heute Besucher mit offenem Mund staunen.
Genau das war auch der Wunsch des Bauherrn Pere Milà: Die Menschen sollten ihre Münder vor Bewunderung nicht mehr schließen können! Um diesen Wunsch und auch das Haus dieses Herrn besser verstehen zu können, müssen wir uns zuerst den Mann selbst anschauen.

Pere Milà war, was wir heute einen Dandy nennen würden. Er war sehr auf sein gutes Aussehen bedacht, kleidete sich sorgfältig und elegant und liebte es aufzufallen. Hatte Herr Amatller eines der ersten Automobile Barcelonas, so hatte Herr Milà das erste. Milà kam aus keiner schlechten Familie, doch er hatte das große Glück (oder genug Seny), eine überaus reiche Witwe zu heiraten. Diese Frau, Roser Segimon, hatte von ihrem Mann, Josep Guardiola i Grau, ein beträchtliches Vermögen geerbt. Obendrein fiel ihr ein großes Grundstück auf dem Passeig de Gràcia, dem liebsten Bauplatz der Bourgeoisie, zu.
Welch hervorragende Partie! Milà heiratete sie vom Fleck weg. Damit sorgte er für einige gehässige Witze in Barcelonas feiner Gesellschaft. Denn Guardiola ist nicht nur ein katalanischer Eigenname, sondern bedeutet übersetzt auch Sparschwein. So kam es, dass spitze Zungen Herrn Milà nachsagten, er wolle gar nicht „die Witwe des Guardiola sondern die Guardiola von der Witwe“. . . Casa Mila

Milà machte das nichts aus, hatte er doch Dank des frisch gewonnenen Reichtums die Möglichkeit, seine Nachbarn vor Neid erblassen zu lassen. Ein Haus wollte er bauen, wie es zuvor noch keines gegeben hatte. Und auch wenn es nicht von seinem Geld bezahlt wurde, so sollte es doch selbstverständlich seinen Namen tragen (und nicht etwa den seiner Frau). Da Milà mit Herrn Batlló, den ihr ja schon beim Haus des Drachen kennengelernt habt, befreundet war, stand für ihn schnell fest: Kein Geringerer als Antoni Gaudí sollte ihm sein neues Heim entwerfen.

Gaudí und Milà müssen sich zu Beginn der Geschäftsbeziehung sehr gut verstanden haben. Der Architekt, ohnehin schon immer seiner Zeit weit voraus, plante gern für einen Mann, der sich Modernität wünschte – und für den Geld keine Rolle spielte. So verbarg die Casa Milà verschiedene Neuheiten hinter ihrer beeindruckenden Fassade.

Vom Aussehen dieser Fassade möchte ich gern zuerst erzählen, denn sie schockierte Milàs reiche Nachbarn ganz besonders.
„Was baut Gaudí da?“, müssen sie sich gefragt haben. Ein Gebäude, wie die es Bourgeoisie noch nie zuvor gesehen hatte! Organische Formen aus hellem Sandstein, die an Dünen oder Klippen am Meer erinnern. Balkone wie aus Algen geschmiedet. Ein sich wiegendes Dach und kapitale Schornsteine in Form von Soldaten obenauf. Keinerlei Gewohntes mehr, statt dessen brachiale, fließende, sehr moderne Linien. Zu modern für viele! Schnell machten sich die traditionelleren Herrschaften Sorgen, dass ihre umliegenden Grundstücke an Wert verlieren würden, mit diesem angeblichen Scheusal gleich nebenan.

Erste Spitznamen wie Drachenhöhle tauchten auf. Mancher verglich die Casa Milà mit den Folgen eines Erdbebens in Andalusien, das sich zuvor ereignet hatte. Andere witzelten, dass man als Haustier in diesem Gebäude nur Schlangen oder Eidechsen halten dürfe. Auch die Tageszeitungen machten vor Spott nicht halt und ließen das Gebäude karikieren. Es existiert zum Beispiel eine Zeichnung, in der ein Makler und ein Mietinteressent sich auf dem Balkon unterhalten. Ergebnis ist, dass der Interessent die Wohnung ablehnt.
„Aber warum denn?“, möchte der Makler wissen.
„Ach wissen Sie, ich weiß einfach nicht, wie ich an diesen Balkonen meine Wäsche trocknen soll“, erwidert der Interessent.

Viel Unverständnis und Häme prasselten auf das Projekt nieder. Doch Architekt und Bauherr ließen sich nicht beirren und schufen hinter der kontroversen Fassade einiges, was das Haus lebens- und lobenswert machte.
Milàs Automobil brachte Gaudí zum Beispiel dazu, über die Möglichkeit zu fabulieren, dass jeder Bewohner des Hauses mit seinem Wagen bis vor die Wohnungstür fahren können sollte. Und – irgendwie – auch wieder hinunter. Doch nach ausführlicher Kalkulation stellte er fest, dass allein die Rampen dafür größer werden müssten, als es das Grundstück hergab. So entschied er sich für einen Kompromiss: Er plante Barcelonas erste Tiefgarage!

Wie bereits in der Casa Batlló spielten Licht und Luft auch in der Casa Milà eine große Rolle. Also plante Gaudí mehrere riesige Lichthöfe, die dafür sorgten, dass jeder wichtige Raum gut beleuchtet und belüftet wurde.

Außerdem verbirgt der Bau hinter massiv wirkenden Mauern ein für die damalige Zeit revolutionäres Konzept – eine sogenannte Vorhangfassade. Dieser Begriff bedeutet, dass die Außenwand keinerlei statische Funktion hat. Sie kann dünn ausgebildet werden, denn Stahlstützen und Träger im Inneren des Hauses tragen die Lasten. Diese Technik erlaubt eine ganz freie Grundrissgestaltung. Wände können eingebaut aber auch wieder versetzt werden, da das Stahlskelett das Gebäude stützt. Der Architekt Domènech i Montaner konnte dank Vorhangfassade bei seinem Musikpalast, von dem ich auch noch erzählen werde, besonders viel Glas einbauen. Gaudí tat das Gegenteil: Seine Fassade sieht mächtig und schwer aus. Tatsächlich aber besteht sie aus recht dünnen Steinplatten, die auf ein Stahl-Untergerüst aufgebracht wurden. Diese Steinplatten wurden dann vor Ort behauen, damit sie eine erodierte Oberfläche bekamen. So erhielt das Haus schon früh seinen bekanntesten Spitznamen: La Pedrera – Der Steinbruch.

Gaudí eckte mit manchem seiner Projekte an, bei der Casa Milà geschah dies jedoch besonders oft. So groß das Gebäude war, so groß war auch der Ärger mit dem städtischen Bauamt. Erste Probleme begannen, als eine der Säulen zu weit in den öffentlichen Raum ragte. Gaudí, kompromissbereit wie er manchmal war, soll gesagt haben:
„Dann schneiden wir sie eben ab, wie ein Stück Käse. Wir polieren die Schnittfläche und dann befestigen wir darauf ein kleines Schild mit der Inschrift ,Abgeschnitten im Namen des Bauamtes von Barcelona am Tag. . . ‘ “.
Es bedurfte guten Zuredens durch Milà (und vielleicht ein wenig monetärer Nachhilfe) und die Säule blieb stehen.

Doch dann wuchs das Haus in die Höhe – und überschritt bald die damaligen Festlegungen (ihr erinnert euch an Cerdàs Eixample?). Auch eine Volumen-Begrenzung von 4.000 gebauten Kubikmetern überschritten Milà und Gaudí deutlich. Da verstand das Amt keinen Spaß mehr. Das Dach und auch das Dachgeschoss sollten zurückgebaut werden – oder alternativ eine Strafsumme in Höhe von 25 Prozent der Baukosten fließen! Milà wurde blass, hatte er doch alles Geld in den Bau investiert, um es später durch Vermietung zurück zu bekommen. Aber abbrechen wollte er selbstverständlich auch nichts! Es folgte nach einigem Hin und Her wieder einmal eine Geschichte, die das Leben schreibt. Milà erhielt eines Tages einen Brief, der ihm in etwa Folgendes mitteilte:
„Was Ihr Architekt da baut, ist kein Haus. Es ist ein Monument. Als solches muss es die Obergrenzen für Häuser nicht einhalten“. Gaudí war ganz aus dem Häuschen vor Freude und soll eine Kopie des Briefes bei sich daheim aufgehängt haben.

Die Freude des Meisterarchitekten fand jedoch 1909, als die Casa Milà schon recht weit fortgeschritten war, ein jähes Ende. Denn im Juli dieses Jahres ereignete sich die sogenannte Setmana Tràgica, die Tragische Woche. Für einen Krieg Spaniens in Marokko sollten katalanische Reservisten eingezogen werden. Die Söhne der Bourgeoisie konnten sich vom Wehrdienst freikaufen, doch kein Arbeiter hatte diese finanziellen Möglichkeiten. So entzündete sich die Wut der einfachen Leute gegen Oberklasse und Klerus (die man als eng verbunden ansah). Schwere Ausschreitungen, vor allem gegen die Kirche, fanden in Barcelona statt und beinahe hundert Menschen verloren ihr Leben.
Diese tragische Woche führte zum Bruch zwischen Gaudí und Milà. Der tief religiöse Gaudí hatte nämlich für das Dach der Casa Milà eine über vier Meter hohe Statue der Jungfrau Maria, umringt von den Engeln Michael und Gabriel, vorgesehen. Milà, der die Stadt bei den Ausschreitungen hatte brennen sehen, wollte sich nicht zur Zielscheibe machen und sagte das fromme Projekt ab. Gaudí soll außer sich vor Wut und Enttäuschung gewesen sein. Das Ende vom Lied war, dass Gaudí das Projekt verließ, seinem Assistenten den Rest der Baubetreuung übertrug und sich von da an nur noch auf sein größtes Projekt, die Sagrada Familia, konzentrierte. Für private Bauherren gestaltete er nie wieder ein Wohnhaus. Der Bruch zwischen Bauherrn und Architekt war so tief, dass Gaudí sein Honorar sogar einklagen musste. Ein bitteres Ende einer zu Beginn so fruchtbaren Zusammenarbeit zweier Visionäre. . .

Die Casa Milà wurde 1910 fertig gestellt. Viele Künstler und Architekten wurden von ihr inspiriert, darunter auch Salvador Dalí, der euch etwas später im Buch begegnen wird. Stundenlang soll er vor den fließenden Wänden gesessen und gestaunt haben.
Doch die Pracht blieb nicht dauerhaft, Gaudís Meisterwerk erlebte auch schwere Zeiten. Schon kurz nach dem Ausscheiden des Architekten aus dem Projekt veränderte Roser Segimon die Inneneinrichtung in ihrer Wohnung. Im Gegensatz zu ihrem Mann konnte sie mit Gaudís Stil nichts anfangen und Louis-XVI-Stühlchen zogen ein. Später wurden viele der so großzügigen Wohnungen geteilt und wieder geteilt. Es zogen Büros ein und von der individuellen Inneneinrichtung blieb oft nicht viel übrig. Zur Zeit der Franco-Diktatur befand sich sogar eine Bingo-Halle im Haus! Alles war in hässliches Neonlicht getaucht und die einst hellen Wände waren rußgeschwärzt.

Zum Glück kaufte die katalanische Bank Catalunya Caixa (die heute zur BBVA gehört) die Casa Milà im Jahr 1986, sanierte sie von Grund auf und ermöglichte es seit 1996, sie wieder zu bestaunen. Ich kann euch einen Besuch nur empfehlen und bin selbst immer wieder ganz begeistert! Ihr könnt nämlich nicht nur eine Musterwohnung sehen, die man in den Originalzustand zurückversetzt hat, sondern auch auf dem fantastischen Dach spazieren gehen, die Aussicht genießen und im zauberhaften Dachgeschoss viel über Gaudís Arbeit lernen. Für mich ein Muss in Barcelona!

Steine, die Geschichten hierzu erzählen, findet ihr hier.

Mal so richtig typisch essen gehen?!

Nach diesem bunten Geschichtenmosaik habt ihr Hunger bekommen? Falls ihr gerade in Barcelona weilt, dann wäre es doch jetzt an der Zeit, so richtig typisch essen zu gehen!

Vielen fällt bei einem traditionellen Gericht aus Barcelona zuerst die Paella ein. Die Sache hat aber einen Haken: Traditionell ist das Essen schon, jedoch nicht in Barcelona! Die beliebte Reispfanne stammt aus der Stadt Valencia in der südlichen Nachbarregion Kataloniens. Man mag es kaum glauben, aber früher war Paella beinahe ein Arme-Leute-Essen und Resteverwertung noch dazu. Klassischerweise an einem Donnerstag, wenn sich von den Tagen der Woche schon einiges an Resten angesammelt hatte, setzte man eine große Pfanne aufs Feuer. Diese lieferte auch gleich den Namen des Gerichtes: Paella bedeutet Pfanne! Man briet Gewürze, übrig gebliebenes Gemüse, Reis und etwas Fleisch. Beim Fleisch handelte es sich um Sorten, die sich auch etwas ärmere Menschen leisten konnten: Schnecken, die man sammeln konnte. Kaninchen, die man im Wald fing. Und wer das Glück hatte Hühner zu besitzen, schlachtete eines davon.
Das so entstandene Gericht, die Paella Valenciana, ist die traditionelle Zubereitungsart. Bis heute findet ihr sie auf vielen Speisekarten Valencias. Die Valencianer sind sehr stolz auf ihr Gericht und manche wollen von Variationen nichts hören oder sehen.Wehe, wenn ein britischer Fernsehkoch sich anschickt, eine Paella mit Chorizo, Paprikawurst, zuzubereiten! Auch die Paella Marisco mit Meeresfrüchten, die viele von uns als den Klassiker empfinden, stößt bei manchem valencianischen Puristen auf Ablehnung. Und die Paella mixta, Reis mit Fisch und Fleisch, wird gar von den Valencianos als Paella de turistas, Touristen-Paella, geschmäht. . .
Wenn ihr trotzdem eine schöne Paella genießen wollt, so seid gewarnt: Eine richtig gute ist, da sie eben nicht aus Katalonien stammt, in Barcelona nicht leicht zu finden. Lasst euch am Besten von Freunden, die die Stadt kennen, von Stadtführern oder im Hotel ein gutes Restaurant empfehlen. Billig ist eine gute Paella nicht, sonst leidet die Qualität und vor allem auch die Menge an Einlage. Bringt außer Hunger auch Geduld mit, denn die Reispfanne sollte mindestens 20 Minuten brauchen, bis sie auf den Tisch kommt. Dann ist sie perfekt – unten etwas angebacken für herrliche Röstaromen, oben weich und mit zarter Einlage. Anders herum, also oben trocken und unten weich, zeugt leider von einer bereits zubereiteten Paella, die im Konvektomaten erwärmt wurde. Achtet auch auf Restaurants, die auf immer gleich aussehenden Schildern bis zu acht optisch perfekte Sorten Paella zu Kampfpreisen anbieten – und esst dort nicht! Diese Gerichte werden tiefgefroren geliefert und nur noch aufgewärmt. Ein letzter Hinweis: Traditionell isst man Paella mittags, denn abends liegt die Menge an Reis oft schwer im Magen.

Wenn nun also die Paella kein katalanisches Gericht ist – wie wäre es mit einem Tisch voller köstlicher Tapas? Auch hier gibt es ein aber: Auch die Tapas kommen nicht aus Barcelona! Diese kleinen Häppchen stammen ursprünglich aus Andalusien, deutlich weiter im Süden. Um ihre Entstehungsgeschichte ranken sich wahrscheinlich so viele verschiedene Mythen, wie es verschiedene Tapas gibt. Die zwei Geschichten, die mir am Besten gefallen, sind:
Im 19. Jahrhundert besuchte der spanische König Alfons der XIII. die Südküste in der Gegend der Stadt Cádiz. Er hatte Lust auf ein Gläschen Rotwein und wollte dieses gern auf einer Restaurant-Terrasse am Meer genießen. Doch es war ein sehr windiger Tag, und die Kellnerin fürchtete, Sand könne in das Glas seiner Majestät geweht werden. Was sollte sie tun? Das Glas mit der Hand abdecken, schickte sich nicht.
„Necesito una tapa“, dachte sie vermutlich, „Ich brauche einen Deckel“. Da habt ihr schon die Erklärung des Namens: Tapa heißt Deckel! Sie legte in ihrer Not eine kleine Scheibe Brot aufs Glas. Damit diese nicht so traurig aussah, garnierte sie sie mit einer Sardelle. So brachte sie den Wein zum König. Dieser soll verwundert gewesen sein, doch sie entgegnete so selbstbewusst, wie es ihr möglich war „Das ist eine Tapa, euer Majestät!“. Der König trank, aß – und soll ab da jedes Getränk zusammen mit einer Tapa bestellt haben. . .
Eine andere Version behauptet, dass die Tradition, zu Getränken kleine Häppchen zu reichen, durch durstige Soldaten entstand. Denn diese tranken immer wieder mal ein oder zwei Gläser zu viel, so dass deren Oberbefehlshaber den Gastwirten befahl, jedes Getränk für seine Männer ausschließlich mit Tapa zu servieren. So stellte sich die Trunkenheit immerhin etwas später ein.
Noch heute könnt ihr in manchen Regionen Spaniens mit Freunden etwas trinken gehen, durch die Bars ziehen – und ohne Essen zu bestellen auch (beinahe) satt werden. Denn zum Beispiel in Granada oder in Madrid serviert man immer noch kleine Häppchen, ein paar Oliven, etwas Käse oder ein Stückchen Schinken, zum Wein, Bier oder Sherry. Leider existiert dieser Brauch in Barcelona nicht – hier zahlt man, wird aber dafür auch richtig satt!
Die einzige in Barcelona erfundene Tapa stammt übrigens aus dem ehemaligen Fischerviertel Barceloneta. Sie nennt sich Bomba: Bombe. Klingt bedrohlich, ist aber nichts anderes als ein Bällchen aus frittiertem Kartoffelteig, gefüllt mit Hackfleisch und serviert mit pikanter Sauce und Allioli (Knoblauch-Mayonnaise). Geht also mal in die Barceloneta und sucht in den kleinen Gassen nach einer urigen Tapas-Bar und dem bombigen Häppchen.

Eine weitere kulinarische Spezialität, die Pintxos, liegen in langen Tresen hübsch beleuchtet und warten auf den Verzehr. Das sind meist Scheiben von Baguette, auf denen sich Krebssalat, Wurst, Sardellen, Käsecreme oder andere Leckereien befinden. Zusammengehalten werden die Aufbauten mittels eines Zahnstochers. Aufspießen, auf Spanisch pinchar genannt, gibt den Häppchen ihren Namen. Kommt diese Speise denn nun aus Barcelona? Ich muss euch ein letztes Mal enttäuschen: Auch die Pintxos haben ihren Ursprung woanders, in ihrem Fall im Baskenland. Bei der Neueröffnung eines Restaurants in Sant Sebastián soll man sie werbewirksam auf einem Teller in die Eingangstür gestellt haben. Daraus entwickelte sich ein blendendes Geschäftsmodell. Die Pintxos haben übrigens fast immer einen Einheitspreis, und ihr sammelt die Zahnstocher, anhand derer am Ende abgerechnet wird.

Was ist denn jetzt typisch katalanisches Essen? Nun, es gäbe zum Beispiel das katalanische Nationalgericht Pa amb Tomaquet – Tomatenbrot! So simpel es klingt, so köstlich ist es, wenn ihr es ganz frisch zubereitet. Hierfür braucht ihr geröstete Brotscheiben, die mit aufgeschnittenen, frischen Knoblauchzehen eingerieben werden. Es folgen halbierte Tomaten, die ihr auf dem Brot auspresst. Am Schluss träufelt ihr ein wenig Olivenöl darüber, etwas Salz – und fertig ist die Beilage zu (fast) allem. Wichtig ist die Reihenfolge, sonst habt ihr matschiges Brot, auf dem ihr den Knoblauch nicht mehr reiben könnt. Die süße Variante ist genauso köstlich – ohne Knoblauch und Tomaten, statt dessen mit dunkler, geschmolzener Bitterschokolade, Salz und Olivenöl. Calçots

Viele katalanische Gerichte kommen deftig und bodenständig daher, zum Beispiel Mandonguilles amb Sèpia – Hackfleischbällchen mit Tintenfischsauce, oder Botifarra amb Seques – Bratwurst mit weißen Bohnen. Man liebt herzhafte Eintöpfe wie die sogenannte Escudella. Auch die Kombination von Fisch und Fleisch kommt in Katalonien sehr gut an. Diese Mischung bezeichnet man als Mar i Muntanya – Meer und Berge. Es gibt eine katalanische Version der Paella, Fideua genannt, die im Grunde der valencianischen sehr ähnelt, nur wird sie mit Nudeln anstelle von Reis zubereitet. Oft findet ihr auch den salzgetrockneten und vor Zubereitung wieder eingeweichten Bacallà – Stockfisch – sei es als Salat mit Zwiebeln, Paprika und Oliven oder auch überbacken. Saisonal gehören Steinpilze und Reizker, Kaninchen, Caracoles genannte Schnecken oder auch Calçots auf den Speiseplan. Letztere sehen aus wie etwas größere Frühlingszwiebeln, die man so lange grillt, bis sie pechschwarz sind. Dann schält man sie, tunkt sie in Romesco, ein köstliche katalanische Sauce, hält das Ganze in die Luft und „zuzelt“ es aus. Dazu darf ein Porró nicht fehlen, eine Art gläserne Karaffe mit zwei Öffnungen, aus der man sich im hohen Bogen Rotwein in den Mund gießt. Oder daneben. Eine herrliche Gelegenheit, sich mal wieder wie ein Kind zu fühlen – komplett mit Ruß beschmiert und voller Flecken – oder den Chef mit Schlabberlätzchen zu sehen!

Der in fast allen Restaurants servierten Crema Catalana hört ihr es schon an: Wenigstens die stammt tatsächlich aus Katalonien! Sie ist eine köstliche Version der Crème Brulée, etwas anders gewürzt, aber mit genauso knackig flambierter Zuckerkruste, die auf der Zunge zergeht. Etwas leichter, aber auch sehr lecker, kommt Mel i Mató, eine Art fester Frischkäse mit Honig, daher. Dazu ein Glas Cava – katalanischer Schaumwein – oder Orxata – köstliche, süße Erdmandelmilch, und ihr fühlt euch wie Gott in Katalonien!

Also dann: „Bon profit!“ – „Guten Appetit!“